Bald ist das erste Schuljahr um. Zeit für eine Zwischenbilanz 

Vor bald einem Jahr wurde Benjamin beim Stadtschulrat für Wien, vom Schulbesuch zum häuslichen Unterricht abgemeldet. In zwei Monaten ist es nun so weit: Benjamin wird dann zu seiner ersten ExternistInnenprüfung antreten müssen. Der heutige Frühlingsbeginn ist deshalb ein guter Zeitpunkt um das letzte Jahr etwas Revue passieren zu lassen.

Benjamin hat ganz ungezwungen in dieses Schuljahr gestartet. Er hat vermehrt zu malen begonnen, interessierte sich aber nicht fürs lesen, schreiben oder rechnen – und das blieb auch vorerst so. Ich muss zugeben, dass mich das in Anbetracht der bevorstehenden Prüfung, durchaus in Panik versetzt hat. Vor allem auch deshalb weil Constantin – mit seinen gerade eben 5 Jahren – quasi das Paradebeispiel für selbstbestimmtes und selbstorganisiertes lernen ist. Eben so selbstverständlich wie Benjamin malte, lernte Constantin lesen.  Ich war also verleitet anzunehmen, dass Benjamin das in der Form vielleicht einfach nicht kann und die ließ mich von meinen Gefühlen hinreißen mich mit ihm hinzusetzen und Schulstoff zu lernen anstatt zu erkennen das malen für ihn gerade wichtiger ist – selbst wenn es kein Gewicht im Lehrplan hat. Das allerdings führte sehr bald dazu, dass Benjamin schon komplett abblockte und wütend wurde, wenn man seine Bücher nur in die Hand nahm um sie wo anders abzulegen. 🙈 Er verweigerte sich komplett und flüchtete sich  – wie Sarah Lesch es in Testament so schön und treffend formulierte – in Kunst oder (bzw. Bei uns: und) Konsum.  Jedes Mal wenn man ihm etwas abverlangte, begann er zu malen oder parkte sich vor dem Fernseher. 🤔

Ein Schuss in den Ofen

Da erkannte ich, dass es so auch nicht funktionieren kann. Irgendwo war der Hund drin. Peter hatte eine Woche Urlaub,  Benjamin war in der Woche darauf bei seinem Vater und danach waren die Kinder alle, einer nach dem anderen, krank. Es blieb kaum Zeit sich auf diese Problematik zu konzentrieren.

Da begann Benjamin dann damit auf seine Zeichnungen zu schreiben. Er malte ein Fahrzeug und schrieb Polizei, Kran oder Hubschrauber dazu. Plötzlich wurde schreiben interessant und er kam immer wieder zu mir, um zu fragen wie man etwas schreibt. Zwei Wochen darauf kann man ihm Wörter buchstabieren, da er die meisten Buchstaben beherrscht.

Der Druck lässt nach

Im ersten Schuljahr wird nur Mathematik und Deutsch geprüft. Constantin sticht deshalb auch so hervor, weil er sich genau bei diesem Pflichtfachstoff gerade seine Domäne gefunden hat. Das interessiert ihn, also lernt er es! Ganz selbstverständlich – ohne mein Zutun. Benjamin allerdings, war in dem Bereich einfach noch nicht so weit – unabhängig von der Tatsache dass er älter ist. Lesen und Schreiben waren für ihn einfach noch nicht so wichtig wie malen. Wenn man es aber genau betrachtet, ist das nichts Neues!

Im Jänner 2016 bei der Einschreibung in der Schule (die in Österreich notwendig ist auch wenn man seine Kinder abmelden will) sprach sich die Lehrerin, welche die Einschätzung und Beurteilung vornahm, für ein Vorschuljahr aus, weil er noch nicht so weit sein würde in der ersten Klasse zu bestehen. Die Direktorin der Schule die weder bei der Einschätzung anwesend war, noch jemals mit ihm gesprochen hatte, stufte ihn nachdem ich über den Wunsch der Abmeldung sprach, trotzdem für die 1. Klasse ein und schmetterte meine Bedenken einfach ab. Im März 2016 bei der schulärztlichen Untersuchung, meinte auch die Schulärztin das Benjamin noch nicht reif genug für die erste Klasse wäre. Ich hätte darauf bestehen müssen, dass sie das schriftlich festhält, dann hätte ich mich darauf berufen können. Stattdessen machte ich aber den nächsten Fehler und sagte sinngemäß, dass ich ihr da zustimme, aber die Direktorin meinen dahingehenden Wunsch bereits abgeschmettert hätte. Und prompt war das Thema auch da vom Tisch und die Ärztin bestätigte die Schulreife. Dass ich dagegen Einspruch hätte einlegen und auf eine schulpsychologische Beurteilung hätte bestehen können, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Ein bisschen Spannung bleibt.

Alles in allem glaube ich inzwischen schon, dass er die Prüfung vom Wissen her bestehen kann. Aber ich hätte ihm einfach gewünscht, dass er es souveräner bewältigen würde können. Dass er genug Zeit hätte, sein nun entdecktes Interesse auch noch zu festigen. Noch ist er sehr unsicher und das könnte ihm tatsächlich im Weg stehen – weil er oft gar nichts sagt, aus Angst was falsches zu sagen. Wie die Prüfung für ihn ausgeht, kann ich aus heutiger Sicht deshalb tatsächlich nicht abschätzen. Aufgrund der gesammelten Erfahrung ist es nun aber an mir keinen Druck aufzubauen um ihm in Ruhe die Möglichkeit zu geben sein Wissen zu festigen. Und festigen tut es sich am besten mit begeisterung,.. am besten im Spiel.  

Und trotzdem: Auch wenn er alles kann, bleibt möglich, dass er nicht besteht, weil er Probleme damit hat geprüft/gefragt zu werden. Denn dann blockt er ab, und dabei geht’s nicht mal um Schulstoff.. Er erzählt einem von sich aus was, aber er mag es nicht wenn man ihm zum selben Thema fragen stellt. Als Beispiel: Er kommt vom Besuchswochenende nach Hause und erzählt manchmal was er gemacht hat. Wenn man ihn aber danach fragt was er gemacht hat, dann sagt er garantiert nichts. Es kann sein dass er nächstes Jahr in die Schule gehen muss. Deshalb stehen im Frühling und Sommer nun wieder vermehrt Ausflüge an, im Augenblick würde es mir tatsächlich widerstreben einen – im Falle des Falles – angeordneten Schulbesuch zu verweigern. Aber… Wer weiß ob es überhaupt notwendig werden würde, also lassen wir es erstmal auf uns zukommen.
Bis dahin, alles Liebe

8 Gedanken zu “Bald ist das erste Schuljahr um. Zeit für eine Zwischenbilanz 

      • Ja. 24. Mai 9-12 Uhr
        Und das ist dann aber tatsächlich das letzte Wort. Um 12 Uhr stehts fest und ist weder anfechtbar noch wiederholbar. Das ist eine der schwerwiegendsten Kritiken an unserem System.
        Selbst wenn das Kind zb einen Unfall hat und dadurch verhindert wäre an der Prüfung teilzunehmen gibt es keine Möglichkeit die Prüfung nachzuholen.

        Das macht den meisten Druck bei mir. Diese Prüfung entscheidet tatsächlich alles.

        Gefällt 1 Person

  1. Ehrlich, offen und direkt.. bleib wie du bist, Victoria!
    Benjamin ist ein toller Junge, er hat aufjedenfall sehr viel im letzten Jahr gelernt.. er zeichnet wunderschön..
    Daumen hoch für so viel Mut und Ehrlichkeit ❤️❤️❤️

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  2. Wir sind an einem ganz anderen Punkt (meine Tochter ist noch viel jünger) aber ich muss mich auch immer zurück halten, wenn ich das Gefühl habe, komm das bring ich ihr jetzt schnell bei.
    Tut gut zu lesen, dass ich da nicht die Einzige bin. Und natürlich, dass es sich lohnt, sich zurück zunehmen.
    Liebe Grüße und viel Erfolg (Glück braucht ihr nicht, hat mein Lehrer immer gesagt. Erfolg reicht 😉
    Kathrin

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