#aus dem Blauen gefragt: Freilernen in der Praxis

Immer wieder werde ich gefragt wie Freilernen in der Praxis bei uns aussieht? Die Antwort ist eigentlich simpel, aber irgendwie trotzdem schwer begreiflich zu machen. Man lebt ja bloß.

Deshalb ist dieser Blog auch so gestaltet wie er es ist: er bietet Einblick in unser Leben! Denn es geht ums Lernen im und vom Leben (und erlebten).

Meine Kinder und ich unternehmen gerne Streifzüge – per pedes – durch die Umgebung. Je älter sie werden, desto weiter entfernen wir uns dabei von zu Hause. Anthea schafft hoch motivierte 2 km (dann wird sie langsamer, will aber immernoch alleine gehen), Benjamin legt auf solchen Streifzügen inzwischen gut und gerne 8 km zurück bevor es ihm auffällt. Aber auch alltägliche Wege gehen wir gerne zu Fuß. Von zu Hause bis zum Kindergarten müssen wir – je nach Route – 2,2-2,5 km zurücklegen.

Wir haben inzwischen einen Rucksack mit einigen nützlichen Utensilien für unterwegs.

In diesem befinden sich ein Feldstecher, eine Becherlupe, ein Notizbuch, Stifte, ein altes aber funktionsfähiges geladenes Mobiltelefon (in unserem Fall aber ohne SIM-Karte), Schnitzmesser, Stadtplan/Landkarte und Bussole.

Ich glaube die meisten Dinge sind selbsterklärend. Die Bussole würden viele als Kompass bezeichnen. Das Notizbuch ist für Notizen über Ort- und Zeitangaben, zum notieren offener Fragen, für Skizzen, zum festhalten von Erkenntnissen und Beobachtungen, zum einlegen von Sammelstücken (Blätter, Blumen,..)  fürs Herbarium usw.

Warum haben wir aber zum Beispiel ein altes Mobiltelefon mit? Erst recht, wenn es keine SIM-Karte hat!

wp-image-1609254017jpg.jpgAuf unseren alltäglichen Wegen, Spaziergängen oder auch Wanderungen fallen uns immer wieder Tiere, Pflanzen oder Dinge auf über die wir gern mehr erfahren möchten. Vor Ort ist es aber oft gar nicht so einfach diese Informationen zusammenzutragen. Deshalb haben wir ein robustes, kleines, altes Mobiltelefon dabei, dass auch ohne SIM funktioniert (wie die meisten 😉 ), dass über eine Kamera verfügt die eine ausreichend gute Bildqualität liefert, dessen Bedienung in nicht mal 2 Minuten erklärt ist und das zur Not auch ruppigere Kleinkinderhände in der Autonomiephase überlebt.

Wenn wir nicht wissen, wovor wird da eigentlich stehen, machen wir ein Foto davon. Und haben dann zu gegebener Zeit, an einem geeigneteren Ort (zum Beispiel: am Nachmittag zu Hause) die Möglichkeit in Bestimmungsbüchern, dem Internet oder ähnlichem nachzusehen was das eigentlich war. Außerdem hilft es dabei das erlebte zu reflektieren.

Weil ich beim Hochbeet eine Übersicht über den Lerneffekt hinzugefügt habe, und aufgrund dieser Liste viel Feedback bekommen, nehme ich an dass sie auch hier erwünscht ist. Also:

Wofür ist das alles gut?

es hilft erlebtes und beobachtetes erzählen zu lernen – zuhören und verstehen – gehörtes wiedergeben, dient der Standardsprache und Wortschatzerweiterung, weckt das Interesse fürs Lesen (weil es Selbstständigkeit ermöglicht), schult die optische und akustische Wahrnehmung, das Gedächtnis, erweitert das Wissen, die Sprachfähigkeit, die Fantasie und Gestaltungsfreude, kultiviert die Neugierde, sensibilisiert für gesellschaftliche Probleme (Umweltschutz, Kritik an Konsumgewohnheiten, Friedenserziehung), verbessert die Grob- und Feinmotorik und die Auge-Hand-Koordination (die auch fürs Schreiben lernen essentiell ist).

Die Bewegung und die Beobachtungen draußen helfen einem, sich im Raum zurechtzufinden, Raumlagebestimmungen (oben – unten, drunter-drüber, neben, vor-hinter, Nähe-Ferne, Distanz..) zu festigen, erlaubt Mächtigkeitsvergleiche (größer/kleiner, dicker/dünner, schwerer/leichter, feiner/rauer..),…

Es dient der Orientierung im Lebensraum, ermöglicht die Begegnung mit  Tieren und Pflanzen, die Beobachtung von Naturerscheinungen, fördert das Interesse am Natur- und Umweltschutz (zeigt die eigene Verantwortung auf für Mülltrennung, das Energiesparen, um seinen/ihren Beitrag leisten).

Es fördert die Freude an der Bewegung, ermöglicht das bewusste Erleben von neuen Sinneseindrücken, unterstützt die Verkehrserziehung (Verhaltensweisen auf dem Weg, beim Queren von Straßen,…) und hilft beim Erlangen von Sicherheit im Umgang mit unterschiedlichen Situationen im alltäglichen Verkehr.
Es dient einem bewussten Umgang mit Medien (Dokumentation: fotografieren, skizzieren, notieren [schreiben]; Recherche: Bücher [lesen], später auch die Nutzung des Internets bzw. allgemein der Umgang mit dem PC..)

Und was bedeutet das im Bezug auf den Lehrplan? Erfüllt man damit das „Soll“?

Den Stoff der Grundstufe I und II laut dem österreichischen Lehrplan habe ich bereits einmal veröffentlicht, aber im Bezug auf diese Aktivität:

In Verbindung mit dem – bereits oben gennanten – Hochbeetprojekt werden die Erkundungstouren – im Jahresverlauf, fortlaufend – die Sachunterricht-Erfahrungs- und Lernbereiche Natur, Raum und Zeit für die Grundstufe I (1. + 2. Klasse Volksschule) und II (3. + 4. Klasse Volksschule) vollkommen abdecken und teilweise auch in andere Erfahrungs- und Lernbereiche (übrig bleiben: Gemeinschaft, Wirtschaft, Technik) hineinreichen.
Durch das Lesen lernen (um selbst recherchieren zu können), das Schreiben lernen (um erworbenes Wissen für sich selbst festhalten zu können), das wiedergeben von Erlebnissen und Beobachtungen, das Zusammenfassen von Erkenntnissen usw. wird ein großer Teil des Fachs Deutsch der Grundstufe I abgedeckt.
Außerdem werden begleitende Projekte in die Fächer bildnerische Erziehung, Bewegung und Sport und technisches/textiles Werken hineinreichen.

die beiden übrigen Fächer (Mathematik und Musikerziehung) stehen bei dieser Aktivität vorerst nicht im Vordergrund. Die Mathematik wird aber später, im Bezug auf die Orientierung – zum Beispiel in Form von Winkelberechnungen, rückwärts einschneiden oder seitwärts abschneiden im Gelände und Co – aber auch für die Routenplanung für Wander- oder Radtourenalso Berechnungen zur verfügbaren Zeit, Geschwindigkeit, Reichweite,.. – durchaus relevant werden.

Was ein Rucksack und ein bisschen Zeit alles ausrichten können. ❤

Alles liebe

PS: für Interessierte der Guide für die ersten Schritte in ein unbeschultes Leben

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