Ich finde es nicht sinnvoll, Fragen zu beantworten, nur weil ich die Antwort kenne.

Die meisten Kinder denen ich begegnet bin, verbringen die ersten Lebensjahre als Freilerner*Innen. Man weiß als Elternteil, dass das gesunde Kind irgendwann dies oder jenes lernen wird, dass es selbst entscheidet was zu erst kommt (zum Beispiel Gehen oder Reden). Auch weiß man als Elternteil, dass man nicht beeinflussen kann ob der erste Zahn mit 4 Monaten kommt oder erst mit eineinhalb Jahren. All diesen Entwicklungen geben wir Raum und Zeit. Und das ist gut so und sollte so bleiben.

Um den zweiten Geburtstag herum, liegt ein Meilenstein im Spracherwerb. Die Wortschatzexplosion lässt Kinder durchschnittlich 9 neue Wörter pro Tag lernen. Noch nicht immer einwandfrei ausgesprochen – aber man merkt: plötzlich geht was weiter. Wo noch wenige Wochen oder Monate davor die „ein-Wort  (Wie? – Wo? – Was?)“-Fragen gestellt wurden, werden die Fragen nun gezielter und komplexer. Sie laden einen förmlich ein, darauf zu Antworten.

Häufig – nicht erst seit diese Homepage online gegangen ist – werde ich gefragt ob ich denn alle Fragen meiner Kinder beantworten könne oder ob ich das gesamte Schulwissen ad hoc abrufen könne. Ich habe mich dazu entschlossen – auf diese und ähnliche Fragen – mit einer Gegenfrage zu Antworten.
Zum Beispiel: „Ich frage mich viel eher: Will ich das überhaupt – selbst wenn ich es könnte?“.

Ich betrachte es nämlich – auch im „häuslichen Unterricht“ – gar nicht als meine Aufgabe, jede Frage zu beantworten! Ich komme ursprünglich beruflich aus der Technik. In der Wissenschaft, Informatik und Technik, bezeichnet eine Black Box ein Gerät, ein System oder ein Objekt, das in Bezug auf seine Ein- und Ausgänge oder Übertragungseigenschaften angezeigt werden kann, ohne Kenntnis der internen Abläufe haben zu müssen bzw. haben zu können.

Wenn (m)ein Kind eine Frage stellt („Was ist das?“) und ich diese beantworte („Das ist ein Schäferhund“) –  dann bin ich die Black Box für das Kind.
Es weiß nicht, welche internen Prozesse bei mir ablaufen, die mich zu dieser Antwort veranlassen. Es weiß nicht, dass ich den Hund sehe und aufgrund seiner Größe, seiner Körperlichen Merkmale, seiner Farbe, seines Wesens, seiner Haltung und so weiter, auf Basis meiner Erfahrungen mit der Thematik, Rückschlüsse ziehen kann. Durch die schlichte Antwort, gebe ich im Grunde bloß vergekautes Wissen weiter. Also Halbwissen!

Wir kennen das alle aus der Mathematik.
Am Anfang steht eine komplizierte Gleichung und am Ende ein Ergebnis, dazwischen steht der Lösungsweg. Durch meine Schäferhund-Antwort, springe ich von der Gleichung (Frage) ohne auf den Lösungsweg (Merkmale, Charakteristik, Erfahrung) einzugehen zum Ergebnis (Antwort).
Nun – ist das nicht falsch, denn die Antwort war ja korrekt! Hätte ich aber nicht geantwortet, sondern mit einer Gegenfrage gekontert, wäre die Wahrscheinlichkeit, die Neugierde für das Thema zu kultivieren und sich eingehender damit beschäftigen zu wollen, wesentlich höher. Außerdem gibt es – im Bezug auf dieses Beispiel – dutzende Schäferhundarten, die sich teilweise sehr ähnlich sehen und andere die Unterschiedlicher kaum sein könnten.

„Mama was ist das?“ – „Wonach sieht es für dich aus?“ – „Es sieht aus wie ein Hund!“ – „Stimmt, das sieht aus wie ein Hund. Hast du gesehen wie groß der Hund ist?“ – „JA! Fast so groß wie ich“ – „Das ist mir auch aufgefallen! Sind alle Hunde so groß?“ – „Nein! Unser Hund ist zum Beispiel nicht so groß“ – „Da hast du Recht! Sehen sich der Hund und unser Hund ähnlich“ – „Nein eigentlich gar nicht!“ – „Welche Unterschiede zwischen dem Hund und unserem sind dir aufgefallen?“ – „Unser Hund schaut anders aus“ – „Was meinst du mit anders?“ – „Weiß nicht“ – „Naja, hast du gesehen welche Farbe der Hund hatte?“ – „Achso ja – Braun und Schwarz“ – „Hab ich auch gesehen. Und unser Hund? Welche Farbe hat der?“ – „Auch braun und Schwarz!“ – „Hmm – beide sind Braun und Schwarz – warum sehen die dann trotzdem so unterschiedlich aus?“ – „Die Lilly ist viel dunkler!“ – „Das könnte es sein! Ist dir noch was aufgefallen“ – „Hmm – weiß nicht.“ – „Hast du gesehen wie die Ohren von dem Hund ausgesehen haben? Hatte der Hängeohren wie die Lilly oder Stehohren wie die Funke“ – „Das hab ich nicht gesehen – der ist so schnell vorbeigegangen!“ – „Wir könnten schauen ob wir den Hund im Hundebuch wiederfinden, wenn du magst“ – „Ja! Gleich wenn wir nach Hause kommen!“

Beim nächsten Hund wird mein Kind mit ziemlicher Sicherheit auf Details wie Größe, Fellfarbe und die Ohren achten.
Natürlich reicht es zu wissen, dass es sich um einen Schäferhund handelt. Trotzdem! Das Wissen ist bei jedem Menschen nachhaltiger verankert, wenn man aufgrund seiner Kenntnisse auch begründen kann Warum der Hund dem man gerade begegnet ist, nur ein Malinois (einer von vier Unterarten des Belgischen Schäferhundes) sein kann!

In diesem Sinne viel Spaß beim Fragen
denn es fördert auch eure Neugier
und wer weiß, vielleicht räumt ihr euer eigenes Halbwissen ja dabei gleich mit aus. 😉

Alles Liebe

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