Liliths Geburt

Vorweg: Ich hatte schon nach der zweiten Schwangerschaft einen leisen Verdacht, aber nun nach der dritten kann ich eines definitiv bestätigen – jede Schwangerschaft ist anders. Jede einzelne Schwangerschaft brachte ihre ganz eigenen Fragen, Beschwerden und Ängste mit sich, neue Herausforderungen und auch neue Optionen, Denkansätze und veränderte Sichtweisen. Man wächst mit dem Baby im Bauch und auch danach noch ein Stückerl mit, bekommt die Möglichkeiten die Welt nochmal ganz neu zu Entdecken und auch Gelegenheit über sich selbst noch neues herauszufinden.

Montag, kurz vor 5 Uhr und ich sitze in einen Science-Fiction-Roman vertieft im Frühstücksraum der Wöchnerinnenstation des Krankenhauses als die Hebamme vom Kreißsaal herüber kommt – wo nebenbei bemerkt, zu diesem Zeitpunkt, gähnende Leere herrschte – um mit den Stationshebammen zu tratschen (wahrscheinlich um selber – ob dem schlichten Mangel an Arbeit) zu verhindern im „Stützpunkt“ einfach einzuschlafen. Ich sitze hier weil meine Tochter überfällig ist und die Geburt am Morgen eingeleitet werden soll.

Nach wenigen Augenblicken, entdeckt sie mich dort sitzend und hielt auf mich zu.
„Können Sie nicht schlafen?“, eröffnete sie das Gespräch.
„Ich habs versucht, auch zwei Stunden geschafft, aber jetzt bin ich wach – und viel zu aufgeregt um wieder einzuschlafen“, kam von mir als Antwort.

Nach einem kurzen Blick auf die Uhr und einem weiteren Augenblick um das für und wider abzuwägen meinte sie: „Dann fangen wir an, jetzt ist eh nichts los und es hat ja keinen Sinn zu warten wenn man nicht mehr schlafen kann. Packen sie ihr Zeug zusammen und kommen sie anschließend zu mir rüber in Kreißsaal 3.“

Ich bemühe mich leise zu sein und Packe in Zeitlupe mein Zeug zusammen. In dem 6 Bettzimmer schliefen immerhin noch 5 andere Frauen. Barfuß mit einem Krankenhaus-Nachthemd bekleidet, und mit warmen Socken und meinem Handy bewaffnet finde ich mich etwas später gegen 6 dort ein. Sende eine Nachricht an meinen Mann, damit dieser sich auf den Weg macht und die Vorbereitungen beginnen.

WC & Dusche, Venflon, Blutabnahme, vaginale Untersuchung (Muttermund 2 cm offen – aber das eh auch schon seit der letzten Kontrolle vor mehr als 24 Stunden), warten auf den Arzt der diese nochmal wiederholt. Am Ende dieser Untersuchung legt die Hebamme das Bändchen um meinen Muttermund und hängt mich ans CTG um den weiteren Verlauf beobachten zu können.

Sie legt mir den Schwesternrufknopf in die Hand, streicht über meinen Kopf, dreht das Licht ab und lässt mich im Kreißsaal allein, damit ich mich entspannen kann und ihr die Zeit verschafft die beiden eben eingetroffenen Nächsten aufzunehmen.

Die Schwesternrufanlage benötige ich nicht, da sie nach deren Aufnahme in die anderen Kreißsäle jetzt ohnehin ihre Runden dreht. Neben ihr ist nur eine weitere Hebamme in dieser Nacht im Dienst, fertig ausgebildet – aber noch nicht lange, mit der ich aber nichts zu tun hatte.

Keine 10 Minuten nach dem „legen“ (eigentlich eher wickeln) des Bändchens habe ich anhaltende „Regelschmerzen“ weitere 10 Minuten später fügen wir das Adjektiv „sehr starke“ zu der eben abgegebenen Beschreibung hinzu.

Mein Mann trifft ein, und der Gynäkologe dreht seine Runde. Der Level ist an sich noch nicht sonderlich aufregend, wenn man Pausen hat. Aber da waren keine, es war ein langer Krampf – keine Wellen. Mein Körper antwortete darauf mit Zitterschüben um die Muskel zur Entspannung zu zwingen. Das war zwar befremdlich – weil unkontrollierbar – aber nicht unangenehm.
Der Gynäkologe meint „Na schau ma mal – ob das was wird,.. ich bezweifle es“ , die Hebamme kontert kühl „um 10 Uhr hat sie ihr Baby“ während die den Arzt bestimmt zur Tür hinausbugsiert. Der Arzt lacht und zieht von Dannen. Ich zweifle dadurch aber jetzt auch ein wenig, denn ich kam nicht umhin zu bemerken dass es inzwischen nach 7 Uhr war.

Etwas später waren wir auf dem richtigen „Level“ und das Bändchen wurde vom Muttermund gezogen, und verblieb ab diesem Zeitpunkt lose in der Scheide. Die vorher endlose Wehe wurde dadurch gebrochen, allerding nur auf 45 Sekunden dauernde Wehen unterbrochen von 45 Sekunden dauernden Pausen. Wenn man es also gerade schaffte ganz los zu lassen, kam gleich der nächste Schwung.

Meine Hebamme kommt in den Kreißsaal mit den Worten „Jetzt such ich schon überall meine Frau K. aber die heißt ja inzwischen Frau F. – Wie geht’s ihnen – und, auf mich warten hätten sie nicht brauchen“ (In der Schicht um 7 hat meine Nachbetreuungshebamme ihren regulären Dienst im Krankenhaus angetreten). Geplant wäre es nicht gewesen, dass sie mich durch die Geburt begleitet, aber eben möglich wenn es der Zufall so will dass sie grad Dienst hat.

Die erste Hebamme übergibt mich mit den Worten „Ihren Sohn hab ich letztes Jahr geholt und heute testen Sie die nächste Hebamme aus ;)“ an meine Nachbetreuungshebamme und die Hebammenstudentin vom Tag – nennen wir sie Regina,… beim besten Willen kann ich mich nicht zweifelsfrei an ihren Namen erinnern.
Es geht so weiter, die Wehen werden stärker und die Pausen sind viel zu kurz. Anstatt zu entspannen, verkrampfe ich beim Gedanken „keine Zeit dafür zu haben“, zu schnell und/oder zu stark.

Ich bitte um Schmerzlinderung.. mein Mann wendet sich an die Hebamme und sagt „Sie will eine PDA“,.. Martina fragt mich „Was? Wirklich?“ ich wiederhole – für mein Empfinden – mit Nachdruck, laut und deutlich „Schmerzlinderung“ (bin mir aber ziemlich sicher das für die Anwesenden da kaum mehr als ein gewimmertes schmR*mZZpfg*hg rüber kam :D). „Na, Wissens was, wir legen eine Infusion, … “ ich nicke zustimmend „mir völlig wurscht, nur machen sie was, helfen sie mir, ich komm nicht runter, ich kann nicht entspannen obwohl ich mich bemühe“…

Ich bekomme über den Venflon die Antibiotika zur Vermeidung einer Stroptokokken-B-Übertragung auf meine Tochter, und anschließend eine Infusion gelegt. In weniger als 10 Minuten schlägt diese auch an und bewirkt dass sich die Muskeln entspannen, ohne dass ich die Kontrolle darüber verliere. Die Wehenstärke ändert das nicht nur die Abstände werden länger, ich kann also wieder entspannen und die starken Wehen kommen mir allein dadurch gleich nur mehr halb so schlimm vor, obwohl sie ihre Intensität beibehalten. Ich fühle mich in den Pausen so entspannt wie in den Pausen bei meiner ersten Geburt, da hab ich dieses Gefühl ganz ohne Behelfsmittel erzeugt (Tranceartig – bis zum Sekundenschlaf hinunter zu entspannen), aber diesmal war durch die Medikamentöse Einleitung die künstliche Spannung einfach zu groß um das Entspannen ohne Hilfe zu schaffen.

Ich (zer?-)drücke bei jeder Wehe die Hände meines Mannes, und Regina unterstützt mich wunderbarerweise durch eine sanfte Rückenmassage (LWS).
„Ich muss auf die Toilette“, verkündete ich um 08.06 Uhr.
„Groß oder klein?“ fragt mich die Hebamme
„Klein,.. oder vielleicht beides“, antworte ich unsicher
Sie schaut mich verdutzt an, untersucht mich anschließend, und sagt,
„Gut, gehen sie“. Mein Mann und Regina stützen mich.

20 m oder 4mal (!) ums Eck oder 3 Minuten oder 2 Wehen später…

sitze ich auf der Schüssel, entleere erfolgreich meine Blase, und kehre auf demselben Weg mit denselben Nebeneffekten wieder in den Kreißsaal 3 (in dem nur nebenbei bemerkt auch schon mein zweites Kind zur Welt kam).

Ich bleibe neben dem Bett stehen, stütze meinen Oberkörper nach vorn gebeugt mit Ellenbogen und oder Händen ab und warte auf die nächste Wehe,.. Das dauert noch ewig! – ist der vorherrschende Gedanke der sich nun noch breiter macht. Meine Hebamme fragt mich „Wollen Sie im stehen gebären bzw. wie haben sie den vorher entbunden?“. Mein Mann spricht, ich krabble ins Bett.

„Das können doch nicht schon Presswehen sein“, stammle ich völlig entsetzt vor mich hin. „Wir sind noch nicht so weit!“ und „Oh mein Gott, Dann werdens schon noch ein paar werden“ hab ich mir zumindest gedacht wenn nicht sogar gesagt. „Der Muttermund ist verstrichen – Ab der nächsten Wehe dürfen sie mithelfen“,.. „aber auch erst dann,.. nicht Pressen ohne Wehe“, sagt sie. Die Fruchtblase platzt. Der Druckabfall durch das abfließende Fruchtwasser machte den Rest dafür ganz einfach,.. eine letzte Wehe und meine kleine Maus erblickt die Hängekasten-Unterbodenbeleuchtung von Kreißsaal #3.

41+3 – 08.17 Uhr – mit 3400g auf 51 cm

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